22.11. in Essen: Kongress gegen die jüngsten antisemitischen Ausbrüche

Sommer 2014: In Europa kommt es zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte und Synagogen sowie zu antisemitischen Großdemonstrationen. Menschen, die als Juden zu erkennen sind oder sich mit Israel solidarisch zeigen, werden in der Öffentlichkeit beleidigt und angegriffen. Die Gedenkstätte Alte Synagoge in Essen ist Ziel von Anschlagsplänen.

Als Teil eines Organisationskreises veranstaltet das Bündnis gegen Antisemitismus Duisburg im November einen Kongress, der – mit einigen Monaten Abstand – einen Blick auf die Ereignisse werfen will und versuchen wird, Perspektiven und Rückschlüsse aus den Vorfällen dieses Sommers zu ziehen. Es sprechen Konstantin Bethscheider, Floris Biskamp, Dr. Stephan Grigat, Dr. Olaf Kistenmacher, Katharina König, Ahmad Mansour, Prof. Lars Rensmann, Jan Riebe sowie Dr. Tilman Tarach und Prof. Bassam Tibi.

Der Kongress findet ganztägig am 22. November in der Alten Synagoge Essen statt. Einlass ist um 10 Uhr, das letzte Podium endet um 21 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Veranstaltung ist Teil der Aktionswochen gegen Antisemitismus NRW – mehr auf aktionswochen-nrw.de.

Ausführliches Kongressprogramm: 

Einlass: 10 Uhr

Eröffnungspodium (10.30 bis 12 Uhr)

Nach einer Begrüßung durch Dr. Uri Kaufmann, Leiter der Alten Synagoge, und der Vorstellung der Kongressresolution, werfen wir einen Blick auf die Ereignisse dieses Sommers und geben einen Ausblick darauf, was Besucherinnen und Besucher im Laufe des Tages erwartet. Jan Riebe wird als Vertreter der Amadeo Antonio-Stiftung sprechen und die Aktionswochen gegen Antisemitismus vorstellen, gefolgt von Lars Rensmann, der eine Einschätzung der jüngsten Entwicklungen vornehmen wird.

  • Jan Riebe ist Diplom-Sozialwissenschaftler und seit 2008 für die Amadeu Antonio-Stiftung tätig. Zuletzt erschienen: „Im Spannungsfeld von Rassismus und Antisemitismus. Das Verhältnis der deutschen extremen Rechten zu islamistischen Gruppen.“.
  • Prof. Lars Rensmann ist Politikwissenschaftler und lehrt an der John Cabot University in Rom. Er publiziert unter anderem zu den Themenkomplexen Antisemitismus in europäischen Gesellschaften und Kritische Theorie. Er ist unter anderem Autor von „The Frankfurt School and Antisemitism.“ und “Politics and Resentment: Counter-Cosmopolitanism and Antisemitism in the European Union.”

Vortrag: Einführung in die Kritik des Antisemitismus (12.30 bis 13.45)

Die vermeintlich “israelkritischen” Proteste des Sommers, die sich in zahlreichen deutschen und europäischen Städten abspielten waren von einer hohen Gewaltförmigkeit geprägt: Anschläge auf Synagoge und jüdische Geschäfte bestimmten das tagesaktuelle Geschehen. Von Berlin bis Paris, von Hamburg bis Den Haag wurde auf Demonstrationen und Kundgebungen Sympathie für die Terrororganisation Hamas bekundet und in mehreren Städten wurden Menschen, die als Juden identifiziert oder für solche gehalten wurden, Ziel gewalttätiger Angriffe. Ziel unseres Kongresses soll es deshalb auch sein, auf die Aktualität antisemitischer Einstellungen nennenswerter Bevölkerungsteile aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck wird Stephan Grigat eine Einführung in die Genese des historischen und modernen Antisemitismus leisten.

  • Dr. Stephan Grigat ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Lehrbeauftragter an der Universität Wien. Weiterhin ist er wissenschaftlicher Direktor für die NGO „Stop the Bomb“, die auf die Problematik einer nuklearen Aufrüstung der Islamischen Republik Iran aufmerksam machen möchte. Zuletzt erschienen sein Band: „Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung.“

Lunch Break

In der Alten Synagoge gibt es Snacks und Kaffee. In unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes befindet sich die Rathaus Galerie und die Essener Innenstadt mit zahlreichen Möglichkeiten zur Verpflegung.

Block: Antisemitismus in muslimisch sozialisierten Milieus (15 bis 17 Uhr)

1. Vortrag: Bassam Tibi über historische Judenfeindschaft und modernen Antisemitismus im Islam

Schon aus der Frühphase des Islam sind Pogrome und Massaker an Juden bekannt. Heute ist es nicht nur die Charta der Hamas, die eliminatorischen Antisemitismus verbreitet. Doch islamischer Antisemitismus wird in der “westlichen Welt” nur allzu gerne banalisiert oder gar entschuldigend in Schutz genommen, während “Hitlers islamistische Erben” (Yehuda Bauer) im Nahen Osten von Erfolg zu Erfolg eilen. Bassam Tibi wird eine Einführung in den historischen und modernen Antisemitimus in islamischen Bewegungen geben, so wie die Hoffnung auf einen moderaten Islam – und was dafür nötig wäre – diskutieren.

  • Prof. Dr. Bassam Tibi hat Sozialwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert und ist em. Professor für Internationale Beziehungen. Er lehrte unter anderem in Harvard sowie an der Cornell University. Er gilt als Begründer der Islamologie. Tibi beendete seine Laufbahn 2010 als “Resnick Fellow for the Study of Antisemitism” am US Memorial Holocaust Museum in Washington. 2012 erschien sein Buch “Islamism and Islam”, in dem er sich ausführlich mit islamischem Antisemitismus auseinandersetzt.

2. Vortrag: Floris Biskamp über die antisemitischen Ausschreitungen junger Muslime in Europa

Waren in den letzten Jahren antiisraelische Demonstrationen vor allem eine Domäne weiter Teile des linken politischen Spektrums, dominierten im Sommer 2014 mehr denn je muslimisch geprägte Milieus die Szenerie, vielerorts kamen die Demoanmelder dabei nicht aus islamischen Massenorganisationen, sondern – oft spontan – aus der Nachbarschaft. In Essen wurde eine Kundgebung, die durch einen Jugendverband der NRW-Linkspartei organisiert worden war, zu einem Schaulaufen für Sympathisanten unterschiedlichster terroristischer Organisationen. Im Vorfeld der Demonstration hatten Personen aus offenkundig islamistischen Motiven heraus versucht, einen Anschlag auf die Alte Synagoge vorzubereiten. Floris Biskamp wird genauer auf die spezifische Situationen des diesjährigen Sommers und die Implikationen, die sich aus der Veränderung in der Zusammensetzung der Protestierenden ergeben, eingehen.

  • Floris Biskamp ist Soziologe und schreibt derzeit seine Dissertation über „Orientalismus und Wahrheit. Die Debatten um „Islamophobie“ vor dem Hintergrund Kritischer Theorie und postkolonialer Dekonstruktion“. Er ist Mitherausgeber von „Islam und Islamismus. Perspektiven für die politische Bildung“ (mit Stefan E. Hößl).

Vortrag: Die Operation Protective Edge, die UN und die strategische Situation Israels
(17.30-18.30 Uhr)

Einige Monate nach Ende der israelischen Militäroperation Protective Edge haben sich im mittleren Osten erhebliche politische Verwerfungsprozesse abgespielt. Zugleich muss die einzige stabile Demokratie in der Region nach den bewaffneten Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen auch einer Veränderung der eigenen diplomatischen Position Gewahr werden. Ob allerdings das Vorgehen gegen die Hamas im Gaza-Streifen die erwünschten Effekte erzielen konnte, kann bisher nur Gegenstand von Spekulationen sein. Tilman Tarach wird kurz auf die historischen und insbesondere auch aktuellen Aspekten des Israel-Gaza Konfliktes wie auch die sich daraus ergebenden Folgen für Israel eingehen und versuchen, diese komplizierte Gemengelage ein wenig aufzulösen.

  • Dr. Tilman Tarach ist Jurist und Autor des Buches „Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ und die Verlogenheit der so genannten Linken im Nahostkonflikt.“. Er schreibt unter anderem für die Jüdische Allgemeine, Jerusalem Post und die Jungle World.

Dinner Break

Abschlusspodium: Perspektiven auf den antisemitischen Dauerzustand (19.15 bis 21.00 Uhr)

Zum Abschluss unseres Kongresses möchten wir auf die verschiedenen Vorträge des Tages zurückblicken und versuchen, eine Perspektive für den zukünftigen Umgang mit ähnlich gelagerten Vorgängen wie in diesem Sommer zu eröffnen. Wie kann eine öffentlichkeitswirksame und sinnvoll gestaltete Antwort auf antisemitisch und antizionistisch motivierte Ausschreitungen aussehen, welche Rolle werden bestimmte Akteurinnen und Akteure in diesem Rahmen spielen, und was ist von gewissen politischen Playern zu erwarten? Über diese und andere Fragen wollen Katharina König, Ahmad Mansour und Konstantin Bethscheider miteinander diskutieren. Die Moderation der Diskussionsrunde wird Olaf Kistenmacher übernehmen.

  • Katharina König sitzt als Abgeordnete der Linkspartei im Thüringer Landtag und fungiert dort als Sprecherin ihrer Fraktion für Jugendpolitik und Antifaschismus, zudem ist sie Mitglied des thüringischen Untersuchungsausschusses, der sich mit der Terrororganisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) beschäftigt.
  • Ahmad Mansour ist Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für demokratische Kultur. Er unterstützt und berät zahlreiche Projekte, die sich mit Islamismus, Salafismus und präventiver Jugendarbeit unter muslimischen Jugendlichen beschäftigen, unter anderem im Rahmen des HEROES-Projektes. Von 2012-2014 war Mansour zudem Teilnehmer der Deutschen Islam-Konferenz.
  • Konstantin Bethscheider ist Philosoph und in der ideologiekritischen Gruppe Association Antiallemande assoziiert. Er ist Mitarbeiter der Kampagne “Stop the Bomb” und Junior Fellow im Mideast Freedom Forum Berlin. Bethscheider hat in verschiedenen Publikationen auf die Notwendigkeit einer Kritik an der gegenwärtigen Praxis und Theoriebildung, gerade Linker, im Bezug auf sich als “Israelkritik” tarnenden Antisemitismus hingewiesen.
  • Dr. Olaf Kistenmacher ist Historiker und Mitglied im Villigster Forschungsforum. Er hat unter anderem zu Antisemitismus in der historischen und aktuellen politischen Linken und zur Geschichte des Nationalsozialismus publiziert. Demnächst erscheint „Arbeit und ‚jüdisches Kapital‘. Antisemitische Tendenzen in der Tageszeitung der KPD, ‚Die Rote Fahne‘, während der Weimarer Republik.“
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