Einblicke in das paechsche Paralleluniversum – Ein Erlebnisbericht

Norman PaechMittwoch, 18 Uhr – kurz nach dem England-Spiel und zweieinhalb Stunden vor dem Match der DFB-Auswahl – an der Duisburger Universität: Ein Professor kündigt stolz einen Antisemiten an, der ebenfalls Professor ist. Der stolze kleine Mann mit der Brille ist Lothar Zechlin, der Antisemit ist sein guter Freund (Lothar vergiss nicht das zu erwähnen) Norman. Norman ist nicht nur Professor sondern auch verhinderter Märtyrer, ein echter Blutzeuge von der Mavi Marmara. Entsprechend tosend fällt der Beifall im mit mindestens 50 Zuhörern voll besetzten Raum LK 62 aus, als Norman an das Rednerpult tritt. Eine nach iranischem Recht verschleierte Studentin beginnt das Geschehen mit ihrem Handy zu Filmen.

Jetzt legt Norman los mit seinem Vortrag. Um das Völkerrecht soll es gehen. Ein Beispiel ist ihm auch eingefallen: Israel. Ein gutes Beispiel, denn wie die Zuhörer im weiteren Verlauf erfahren, war schon die Gründung des Staates Israels – durch die USA erzwungen, nachdem Juden in Palästina einen Terrorkrieg gegen Einheimische und Engländer entfacht hatten – völkerrechtswidrig. Doch mit der Staatsgründung (‚Nakba‘, die große Katastrophe) nicht genug! Anschließend hätten – so Norman – die Juden 800.000 ‚Palästinenser‘ vertrieben [sic!]. Und das bewertet Norman ebenfalls als völkerrechtswidrig. Wozu ist man schließlich Professor? Da die Juden aber immer noch keine Ruhe geben wollten, hätten sie als nächstes – von langer Hand geplant – den Sechstagekrieg vom Zaun gebrochen. Wieder was gelernt!
Nach einem kurzen Abriss über die seit dem verabschiedeten Resolutionen des UN-Menschenrechtsrates gegen Israel streift Norman noch schnell die zweite Intifada (Zitat: „Widerstand, der sich spontan und wie eine Eruption gegen die veritablen Kriege Israels gerierte“).
Spätestens jetzt sind auch viele der Zuhörer in LK 62 aufgewacht. Wie in einer Gospelmesse murmeln sie immer wieder ihre Zustimmung, rufen sogar „Richtig!“ oder „Genau!“. Und auch Norman selbst wird jetzt merklich emotionaler. Spricht vom fruchtbaren Jordantal, in dem doch die Zitrusfrüchte so schön wachsen könnten, hätten die Juden nicht 96 Prozent des Gebietes mit einer militärischen Sperrzone belegt: „Wenn man so mit seinem Land umgeht, wird Gewalt generiert“. Und die kam denn auch in Form des letzten Gaza-Krieges. Hier folgt ein längerer Diskurs Normans über das völkerrechtlich völlig korrekte Verhalten der Hamas in diesen Tagen bei gleichzeitigem Missbrauch palästinensischer Zivilisten als menschliche Schutzschilde durch Israelis [sic!], den wir uns an dieser Stelle ersparen wollen.
Das Vorhaben – so es jemals vorhanden war – über Völkerrecht zu referieren, hat Norman nun endgültig über Bord geworfen, wie ein Friedensaktivist einen Soldaten. Norman ist jetzt ganz voller Mitleid mit Israel, dessen Existenzrecht „ich niemals, wirklich niemals bezweifelt habe“ – auch wenn es jetzt vielleicht Zeit sei für ein Umdenken. Denn Israel, so Norman weiter, befinde sich in einem Prozess der Selbstzerstörung, und in diesem müssten gerade und vor allem die Deutschen – wegen Geschichte und so, klar – den Juden Beistehen. Denn: „Israels Bedrohung kommt einzig und alleine von innen, kein Araber bedroht Israel!“. Diesen Satz wird Norman später noch auf Anraten eines Zuschauers relativieren. „Wie einst die Sowjetunion oder Südafrika könnte Israel implodieren“. Viel zustimmendes Gemurmel im Raum verrät die Freude derer, die sich schon immer einmal von einem echten Professor bestätigen lassen wollten, dass zwischen eine faschistische Diktatur, einen Apartheidstaat und Israel kein Blatt passt. Fazit: „Kommt die Wende nicht aus Israel selbst, kann sie nur aus den USA kommen. In Israel selbst brodelt es derzeit so sehr, dass sich die angespannte Stimmung wohl nur durch neue Militäraktionen entladen können wird“.

Lothar dankt jetzt Norman, weist auf das nahe Deutschlandspiel hin und eröffnet nun die ‚Diskussion‘. Ein Mitglied der Duisburger Die Linke meldet sich zu Wort und bedankt sich beim Märtyrer für dessen Mut, trotz bestimmter „mächtiger und einflussreicher Organisationen in Deutschland, man nennt sie auch die ‚Antideutschen'“ seine Meinung zu sagen. Eine ehemalige Studentin bereichert die Diskussionsrunde mit der Feststellung, dass nur die Kritik an Israel „einzige folgerichtige Konsequenz aus der deutschen Geschichte“ sein könne. Ein Mitglied der antisemitischen Kameradschaft Initiativ e.V. trägt bei, dass Israel „nur im Krieg funktionieren kann, sich nur über Krieg definiert“. Hier schaltet sich wieder Norman ein, der noch hinzufügen möchte, dass die derzeitige Regierung Israels „ethnische Säuberungen“ betreibe. Einer demokratischen Ein-Staatenlösung stehe der israelische Rassismus, stünden die israelischen Siedlungen, im Wege. Um in diesem Kontext die Hamas ausklammern zu können, muss man wohl Professor sein.
Was er nicht ausklammert, ist die Rolle des Iran. Das ewige „Rumgehacke“ auf dem Iran kann Norman nämlich gar nicht verstehen. Zwar seien viele Töne aus dem Iran verfehlt, doch habe die iranische Regierung niemals („ich wiederhole, niemals!“) Israel mit einem Angriff gedroht [sic!] – „Es handelte sich hier um Übersetzungsfehler und um Provokationen, die mit denen aus der USA oder aus Israel nicht annähernd zu vergleichen sind“. Große Zustimmung im Raum. Deutlich gemacht habe der Iran nur, dass er sich im Falle eines Angriffs verteidigen werde. Ob es denn Antisemitismus gebe im Iran, will eine Studentin wissen. Norman weist darauf hin das es den „überall gibt“, dass es aber eine „große jüdische Gemeinde gibt im Iran und die nie vernichtet werden sollte“.
Ein Zuschauer wechselt das Thema und will jetzt wissen, ob Norman in seiner Rolle als Opfer des israelischen Piratenangriffs auf seinen Ausflugsdampfer Mavi Marmara „traumatisiert“ sei. Norman: „Traumatisiert durch den Angriff weniger, traumatisiert bin ich vor allem aufgrund der einseitigen Medienberichterstattung hier in Deutschland“. Bevor noch einer der Zuschauer schlucken kann, ob dieser doch etwas realitätsfremden Äußerung, beklagt sich Norman schon über die geringe Fernsehzeit, die ihm zugestanden wurde: „Ich hatte ein paar Sätze in der Tagesschau, im NDR sind sie über mich hergefallen“.
Einer Studentin wird es jetzt wohl doch zu bunt, und sie fragt den Märtyrer, ob er sich bewusst gewesen sei, mit wem er sich da zusammen getan habe auf der Mavi Marmara. Norman – nachdem er erklärt hat, dass er zuerst auf einem anderen Schiff gewesen sei, welches aber von den Israelis sabotiert worden sei – weiß das ganz genau: „Das war die IHH, eine türkische Menschenrechtsorganisation konservativen Zuschnitts“. Auf dem Schiff hätten sich etwa vierhundert friedliche Aktivisten befunden, weshalb es auch völlig unverhältnismäßig sei, nur die „etwa zwölf Gewalttätigen mit ihren Stahlstangen“ im Fernsehen zu zeigen. „Die dachten sich wohl, wir geben hier nicht kampflos auf. Die israelischen Soldaten wurden herunter gebracht zu uns ins Lazarett, wo sie versorgt wurden. Ich habe davon Fotos gemacht“. Fotos hat Norman also gemacht von der Verschleppung israelischer Soldaten unter Deck. Vielleicht waren zu der Zeit alle vierhundert Friedensaktivisten bloß mit fotografieren beschäftigt. Andernfalls hätten sie wohl die zwölf Chaoten auf dem Oberdeck zur Räson gebracht. Da das aber nicht möglich war, wurde auf dem Oberdeck geschossen. Norman: „Unser Ziel war primär politisch. Wir wollten so viel Aufmerksamkeit erreichen wie nötig, um die Blockade von Gaza zu stürzen. Und ich finde es ist ein Skandal, dass dazu so viele Tote nötig waren.“
Nach diesen nachdenklichen Worten des Triumphe schloss nun Lothar das Kolloquium. Norman gab noch einigen hartgesottenen Fans Autogramme, während sich alle Übrigen beseelt auf den Heimweg oder zum Public Viewing machten.

Ein Gedanke zu „Einblicke in das paechsche Paralleluniversum – Ein Erlebnisbericht

  1. Pingback: Einblicke in das paechsche Paralleluniversum – Ein Erlebnisbericht « PRO ZION NRW

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.