Vom Vorurteil zur Wahnvorstellung

Über die zunehmende Judenfeindschaft in islamischen Gesellschaften · Von Matthias Küntzel

Die gegenwärtige Judenfeindschaft in islamischen Gesellschaften werde ich unter drei Fragestellungen beleuchten. Erstens: Wo kommt sie her? Zweitens: Wie stellt sie sich momentan dar? Drittens: Worauf zielt sie ab? Beginnen wir also mit der historischen Genese.

Die Wurzeln der Judenfeindschaft in islamischen Gesellschaften liegen beim Frühislam. Gewiss: Der Koran enthält durchaus auch Verse, die „die Kinder Israels“ loben, ja sogar Verse, die als Legitimation des Staates Israels gelesen werden können. So heißt es in Sure 7 Vers 137 über die Kinder Israel: „Und zum Erbe gaben wir dem Volk, das für schwach erachtet war, den Osten und Westen der Erde, die Wir gesegnet hatten, und erfüllt war das schöne Wort deines Herrn an den Kindern Israel, darum dass sie standhaft geblieben.“ „Oh Volk“, heißt es in Sure 5, Vers 21, „betritt das heilige Land, das Allah euch bestimmte.“

Doch die Anzahl der judenfeindlichen Aussagen überwiegt. „Wegen der Sünde der Juden und weil sie Wucher nahmen, wiewohl er ihnen verboten war, haben wir ihnen gute Dinge verwehrt, die ihnen erlaubt waren,“, heißt es beispielsweise in Sure 4, Vers160. „Und sie betreiben auf Erden Verderben“, heißt es in 5/64. „Und verwandelt hat er einige von ihnen zu Affen und Schweinen“, heißt es in 5/60, während es in dem berühmtesten jener Verse, dem Vers 5/82 heißt: „Wahrlich, du wirst finden, dass unter allen Menschen die Juden … den Gläubigen am meisten Feind sind.“[2]

Der tunesische Philosoph Mezri Haddad, selbst ein Moslem, bezeichnet diese Verse als „antisemitischen Müll“ und fordert, da man den Koran hiervon nicht befreien kann, die islamischen Denker dazu auf, jene Verse mit „intellektueller Kühnheit“ und „hermeneutischer Vernunft“ neu zu interpretieren.[3]

Die Widersprüchlichkeit des Judenbildes im Koran – mal pro-jüdisch, mal anti-jüdisch – hat mit den überlieferten Lebenserfahrungen Mohammeds zu tun. Während Mohammed die Juden am Anfang seiner Laufbahn noch für die Kronzeugen Gottes hielt, galten diese ihm später, nachdem sie sich seinen Vereinnahmungsversuchen entzogen hatten, als die schlimmsten Feinde: Zwei jüdische Stämme wurden auf sein Geheiß aus Medina vertrieben, an dem dritten und letzten Stamm aber wurde ein blutiges Exempel statuiert: Mohammed ließe an einem einzigen Tag des Jahres 627 alle Männer dieses Stammes – es sollen zwischen 600 und 900 gewesen sein – köpfen und deren Frauen und Kinder in die Sklaverei verkaufen.

Doch das eigentliche intellektuelle Verhängnis fand eine Generation später statt: Jetzt wurde lange nach Mohammeds Tod der koranische Bericht, der extrem raumgebunden wie auch zeitgebunden ist, aus seinem historischen Kontext gelöst und zur einzig wahren und überzeitlich gültigen Offenbarung über die Feinde Gottes erklärt. Damit wurde der Antijudaismus ein fester Bestandteil der neuen Religion.[4]

Mohammed hatte mit den Juden von Medina leichtes Spiel. Deshalb war das Judenbild im mittelalterlichen Islam nicht von Furcht vor Juden oder von Neid bestimmt, sondern hauptsächlich von Verachtung: Sie standen nicht über, sondern unter den Muslimen und mussten als Dhimmis ihren niederen Rang akzeptieren.

Der europäische Antisemitismus baute hingegen auf dem Christentum auf. Hier hat nicht der Prophet die Juden getötet, sondern die Juden den Propheten. Aufgrund dieser Legende – „sie“ sollen in der Lage gewesen sein, Gottes einzigen Sohn zu töten! – wurden sie im Christentum nicht als „Looser-Gruppe“ verachtet, sondern als dunkle und übermächtige Instanz gefürchtet. Deshalb waren es gerade sie, die man im Mittelalter für die Pest – Stichwort: Brunnenvergifter – und in der Neuzeit für den „Kasino-Kapitalismus“ und das spekulative Kapital, für Münteferings „Heuschrecken“ also, verantwortlich gemacht hat. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dieser europäische Antisemitismus durch christliche Missionare, Kaufleute oder Botschaftsangehörige auch in den Orient gebracht. Dort fand er unter den Muslimen jedoch so gut wie keine Resonanz. Ja, er stieß manchmal, zum Beispiel im osmanischen Parlament, sogar auf Widerstand.

Es dauerte einige Jahrzehnte, bis es den daran Interessierten gelang, den religiösen Antijudaismus des Frühislam mit dem europäischen Antisemitismus der Moderne zu kombinieren und somit den „islamischen Antisemitismus“ als spezifische Form der Judenfeindschaft hervorzubringen.

Der entscheidende Zeitabschnitt, der diese Fusion besiegelte und die Ideologie des islamischen Antisemitismus in islamischen Gesellschaften verbreitete, lag zwischen 1939 und 1945. Das wichtigste Instrument dieser Fusion war die nationalsozialistische Propaganda in der islamischen Welt. Ebenso wie die Nazis den in Europa verbreiteten christlichen Antijudaismus radikalisiert hatten, taten sie im Rahmen ihrer Islampolitik alles, um auch den latenten altislamischen Antijudaismus zu radikalisieren.

Den Auftakt machte das 31-seitige Pamphlet „Islam-Judentum. Aufruf des Großmufti an die islamische Welt im Jahre 1937.“ Es wurde mit deutscher Hilfe erstellt, 1937 erstmals auf der Konferenz von Bludan verbreitet und anschließend in der ganzen arabischen Welt wie auch unter den bosnischen Teilnehmern der muslimischen SS-Division verteilt. Ich stelle Ihnen eine kurze Passage darauf vor:

weiterlesen

Einen Kommentar schreiben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s