Zum Weltfriedenstag in Dortmund: Pacifism never solved anything

Dortmund hat ein Problem mit Nazis. Und mit selbst ernannten Antifaschisten. Als am 2. September des vergangenen Jahres zwei verschiedene linke Antikriegsdemonstrationen, gegen die rechte Antikriegsdemonstration am folgenden Tag, in Dortmund stattfanden (eine von autoritären, eine von autonomen Gruppen), hatten beide eines gemeinsam: Wer sich in ihrem Umfeld als israelsolidarisch und/oder jüdisch zu erkennen gab, war Drohungen sowie verbalen und körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Falls das den Organisatoren nicht gefiel, haben sie doch wenigstens das Maul gehalten. Eine Aufarbeitung der Geschehnisse, eine Benennung der Täter – oder gar Konsequenzen – gab es daher bis heute auf beiden Seiten nicht, von antisemitischen Schlägerbanden, wie der Roten Antifa Duisburg, ist sie wohl auch nicht zu erwarten.


Für Frieden und das warme Szenenest ist so manchem eben keine Verrenkung zu schmerzhaft. So ist jede Spaltung vergessen: Gemeinsam mit Leuten des einen Bündnisses (DSSQ) haben (teils ehemalige) Mitglieder des anderen Bündnisses (Alerta) in diesem Jahr versucht, ein Antifacamp in Dortmund auf die Beine zu stellen – und sind kläglich gescheitert. Organisatorisch – und inhaltlich. Denn das vermeintlich antifaschistische Zeltlager in Dortmund wäre, wie Stadt und Polizei ganz richtig erkannt haben, eben keine politische Veranstaltung gewesen, sondern die zum Zwecke der Konfliktvermeidung bewusst entpolitisierte Folkloreveranstaltung einer radikalen Linken, die seit ihrem Bombenanschlag auf das Berliner jüdische Gemeindezentrum 1969, ohne Atempause Geschichte gemacht hat – und dabei stets auf der falschen Seite stand. Der vorgeschobene Anspruch „gegen Rechts“ ist dabei – als gesellschaftlicher Mainstream und politischer Konsens im Land – nur Deckmantel für Lagerfeuerromantik, vegane „Volksküche“, Punkmusik und, sollte es doch einmal inhaltlich werden, antiimperialistische Agitation aus der Mottenkiste.

Der wesentlich wirksamere und handfestere Antifaschismus geht dabei von Politik und Polizei aus, die der rechten Szene dieser Tage mit Razzia und Verbot auf die Pelle rücken, und das, obwohl Innenminister Jäger mit dem Satz, man werde den Nazis „auf die Springerstiefel treten“ seine Unfähigkeit gleich auch zur Schau stellte. Die Linken derweil sind ohnehin zu beschäftigt damit, den Neonazis das Wort zu reden. Denn der Antikriegsklimbim – hier: Antimilitarismus – steht auch auf ihrer Agenda. Woher nur diese (wahrlich strömungsübergreifende) deutsche Friedenssehnsucht? Seit der Bombardierung Dresdens wissen rechte und linke Deutsche: Krieg ist das Schlimmste. Deutschlands Gegner sahen das verständlicher Weise etwas anders: „Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit!“¹

In Deutschland ist man sich seither einig: „Nie wieder Krieg!“. Da verwundert es nicht, dass an diesem Wochenende in Dortmund Kameraden und Genossen um die richtige Deutung des Antimilitarismus und Pazifismus streiten. Gegen Krieg zu sein ist eine moralische Instanz in Deutschland, auf die sich selbst Oma, Opa, Hans-Peter und der linke Student aus dem Autonomen Zentrum beim weihnachtlichen Familientreffen einigen können. Doch worauf läuft es eigentlich hinaus, wenn Schwarz-Rot-Geil und seine linken Stichwortgeber ihre Liebe zum Frieden entdecken?

Die apokalyptische Sorge um die Nation

Deutsche Linke oder linke Deutsche entdecken ihren Pazifismus und Antimilitarismus meist dann, wenn sie eine Gefahr für den eigenen Volkskörper wittern. So treibt beispielhaft Martin Walser bei seiner Ablehnung des Afghanistaneinsatzes der deutschen Bundeswehr vor allem die Sorge um das nationale Kollektiv: „Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin, ich riskiere noch eine Behauptung: Wir sind, wenn wir uns nirgends militärisch engagieren, kein Ziel mehr für den Terrorismus.“² Am größten ist die Angst der Volksgenossen immer dann, wenn die USA mit mischen. Jenes Land also, welches den Deutschen seit seiner Gründung schlaflose Nächte bereitet. Jenes Land, dem die Volksgemeinschaft die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und den demokratischen Wiederaufbau danach nie verziehen hat. Weil man das Davonkommen nach der Shoah noch immer nicht so ganz glauben mag, beäugt man diejenigen mit umso mehr Hass, die sich noch immer militärisch ihrer Haut erwehren müssen oder die eigene Sicherheit präventiv zu sichern suchen: dem von seinen Feinden atomar bedrohten Israel und seinem trotz Obama wichtigsten Verbündeten, den USA. Beide, so wütet es in friedensbewegten Deutschen, haben aus Auschwitz im Gegensatz zu ihnen nichts gelernt und erinnern sie besonders im Falle Israel noch immer an das Scheitern der deutschen Mission im Zweiten Weltkrieg. 

Auch die Macher des Antifacamps stehen ganz in der Tradition der deutschen Friedensbewegung, die immer dann stark ist, wenn die Angst vor der Apokalypse, und damit der Untergang des eigenen Volkes, zusammen mit dem Handeln der USA auf der politischen Agenda steht. Ob Proteste gegen  die Stationierung von Pershing-II-Raketen, die Demonstrationen gegen den Krieg im Irak oder Kundgebungen gegen militärische Einsätze gegen die Hamas in Gaza: Der Wille zum ewigen Frieden endet regelmäßig im antiamerikanischem und antisemitischem Geblöke. 

Man muss es der Kampagne „Krieg beginnt hier“, die auch im Dortmunder Zeltlager mitwirken sollte, daher fast schon hoch anrechnen, wenn sich ihre ‚Kritik‘ nicht an Amerika, sondern an der vermeintlichen Militarisierung Deutschlands abarbeitet, und der Schwerpunkt des „antimilitaristischen Aktionstags“ vor allem auf die hiesige Erinnerungskultur setzt. Dass auch diese Strategie und die ewig wiederholte Parole „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ letztlich auf deutschen Vulgärpazifismus hinauslaufen, liegt vor allem in der zwangsläufigen und unverhohlenen Unterschätzung und Verharmlosung des Nationalsozialismus und der Shoah. 

Das Dortmunder Antifamobilisierung schafft es demnach zwar mehrere Konzerte ergrauter Punkbands, und ganz sicher eine ausgewogene vegane Speisekarte zu organisieren, an Veranstaltungen zu den zentralen Themen des Dortmunder Naziaufmarsches aber scheitern die die „Aktivisten“: Weder Antisemitismus noch Antiamerikanismus werden thematisiert, obwohl es auch abseits des Naziaufmarsches genug – und wichtigere – Gründe gibt, sich damit auseinanderzusetzen. Stattdessen also ein Schwerpunkt „Antimilitarismus“ unter dem Credo „Nie wieder Krieg“, bevor es mit Quarzsandhandschuhen und Teleskopschlagstöcken bewaffnet zur Bekämpfung der neonazistischen Banden auf die Straße geht.

Nie wieder Krieg?

Besonders während und nach dem 2. Golfkrieg, zu Beginn der 1990er Jahre, entdeckten die Friedensbewegten in Deutschland die alte Parole „Nie wieder Krieg“ für sich. Und bis heute ist es genau diese Parole, neben der nicht minder stumpfen Phrase „Nie wieder Faschismus“, die als Leitlinie weiter Teile der Deutschen Linken, und auch beim Dortmunder „Antimilitaristischen Aktionstag“ in der vergangenen Woche gilt, häufig sogar begleitet mit dem Verweis auf den „Schwur von Buchenwald“, dem sie angeblich entstammt. 

Denn da mit den hohlen Phrasen, die sie sich selbst nicht mehr glauben – „Militarisierung, vernetzte Sicherheit, Aufstandsbekämpfung und letztlich Krieg sind immer auch ein Angriff auf alle sozialen, emanzipatorischen Bewegungen und somit gegen alle Menschen, die für eine befreite Gesellschaft kämpfen.“³ – nicht auf das bessere Argument zu vertrauen ist, bleibt einem nur noch der verzweifelte Versuch, sein antifaschistisches Selbstverständnis mithilfe ‚historischer Autoritäten‘ zu retten. Dass einem bei diesem Versuch die Opfer des Nationalsozialismus schlichtweg egal sind, zeigt die dreiste Lüge, mit der sich am politischen Gedächtnis der Überlebenden von Buchenwald bedient wird.

Die Parole „Nie wieder Krieg“ entstammt eben nicht jenem Schwur der Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald, er kommt im gesamten Text nicht einmal vor. Ganz im Gegenteil enthält der Schwur einen ausführlichen Dank „den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets“ und nicht zuletzt einem Gedenken an den kurz vorher verstorbenen Präsidenten der USA, F.D. Roosevelt: „Wir gedenken an dieser Stelle des grossen [sic] Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt, F. D. Roosevelt.“ Die Überlebenden zeigen so, direkt nach jahrelanger Qual im KZ, mehr Geschichtsbewusstsein als die linken Ideologen im Jahr 2012, die von ihren Großeltern gelernt haben, wie schlimm Bombardierungen ganzer Städte sind und das man unter Umständen auch mal eine Frauenkirche verlieren kann. 

Vielmehr entstammt „Nie wieder Krieg“ der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und war eine direkte Reaktion auf den Ersten. Als Parole wurde sie vom „Friedensbund der Kriegsteilnehmer“, einer der ersten größeren pazifistischen Organisationen in Deutschland, die unter anderem von Kurt Tucholsky gegründet worden war, ausgegeben. Das Festhalten an dieser Parole durch heutige Pazifisten und Antimilitaristen führt dabei zwangsläufig zur Negierung der Unterschiede zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg und somit zu einer Verharmlosung der Shoah.

Same shit different day?!

Im Gegensatz zu den charakteristischen Massenschlachten etwa im französischen Verdun gab es im Zweiten Weltkrieg wirklich eine humanistische Rechtfertigung für den Kriegseinsatz der Alliierten, auch wenn die Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager dabei nicht ihr vorrangiges Ziel war. Die Erfahrung von Auschwitz und die Vernichtung der Juden in ganz Europa, die dem Kriegserfolg der deutschen Wehrmacht zum Teil diametral entgegen stand, zeigt, dass es durchaus Schlimmeres geben kann als Krieg und eben dieser zur Verhinderung des Schlimmsten notwendig wird. ⁴

Wer sonst hätte die Konzentrations- und Vernichtungslager befreien können, außer bewaffnete Soldaten der Alliierten? Amnesty International, Human Rights Watch und co. wären es jedenfalls mit Sicherheit nicht gewesen, hätte es sie damals schon gegeben. Diese Einsicht, so einfach sie auch erscheint, ist bis heute nicht zu den Pazifisten von Links vorgedrungen, den Friedensfreunden von Rechts ist sie ohnehin egal. Die Einsicht, dass Souveränität und Gewalt nicht voneinander abgetrennt werden können, bedeutet dabei keinesfalls eine Affirmation der bestehenden Verhältnisse, sie ist kein Werturteil, sondern das sich bewusst werden der alltäglichen Gewalt, die doch vom Antisemitismus nicht zu trennen ist: „Für das Volk ist er ein Luxus.“ 

Es ist die große Schande der deutschen Linken, die sie es zum großen Teil bis heute nicht fassen kann: das die Konzentrationslager der Deutschen letztlich von Soldaten der Alliierten befreit wurden, während ein Großteil der verbliebenen deutschen Linken weiterhin auf den Aufstand der im besten aller schlimmsten Fälle gleichgültigen deutschen Arbeiter gegen den Nationalsozialismus wartete.⁵ An den Antisemitismus der damaligen Arbeiterbewegung gar nicht zu denken. 

Auch die von Tucholsky kurz vor seinem Tod eingeforderte Selbstkritik der Linken angesichts ihrer Niederlage ist bei den Nazijägern und ihren Genossen der Ostermärsche bis heute nicht zu sehen. Vor allem in der Linken ist noch immer der Gedanke verbreitet, die Freiheit, die ihnen eine kapitalistische Demokratie zumindest bietet, sei von den ‚US-Boys und Girls‘ quasi im Rosinenbomber nach Berlin gebracht, oder wie Kaugummis und Zigaretten von unbewaffneten Soldaten auf der Straße verteilt worden, sofern man jene nicht genau für diese Freiheit hasst. 

Es ist diese Erfahrungen der Deutschen, die bis heute Auswirkungen hat auf die Bewertung aller bewaffneter Konflikte weltweit. Von dem ewig wiederholten Mantra der „Entwicklungshilfe“ und der „kooperativen Zusammenarbeit“, als Ersatz für militärische Operationen, unabhängig davon, dass sich diese Entwicklungshilfe ökonomisch für ihre Empfänger schon längst in den meisten Fällen nicht mehr lohnt, oder aber die zivilen Helfer in den Ländern, etwa in Afghanistan, betonen, ohne bewaffneten Schutz gar keine Hilfe leisten zu können, bis hin zum „Nie wieder Krieg!“ der radikalen Linken. All diese Reaktionen sind Teil desselben deutschen Problemunbewusstseins. 

Unterschiede, etwa verschiedene mögliche Kriegsgründe, die verschiedenen Situationen in den betroffenen Ländern, oder gar gesellschaftspolitische und ökonomische Voraussetzungen für Krieg können so entgegen jeglicher Intentionen gar nicht Gegenstand der Kritik sein. Krieg ist eben Krieg, egal ob „neuer Krieg“ oder „bewaffnete Aufstandbekämpfung“ – ausgenommen vielleicht der verklärte und als „Teil der globalen Linken“ (Judith Butler) verklärte Krieg von Hamas und Hisbollah gegen Israel.

„Ein bißchen Frieden… vs. Freedom isn’t free“

Nicht umsonst gibt es in Deutschland kein Äquivalent zum englischen Ausdruck „Freedom isn’t free“. „Freiheit ist nicht kostenlos“ klingt nicht ansatzweise so schmissig. Dieses Selbstverständnis amerikanischer Politik wird bis heute mit Misstrauen betrachtet. Und so können sich auch die Macher des Antifacamps nicht dazu durchringen auch nur im Ansatz ihrem Vulgärpazifismus abzuschwören. 

Deshalb schweigen sie, wie die gesamte deutsche Friedensbewegung, wenn es tatsächlich mal Grund gäbe, auf die Straße zu gehen. Schweigen vom Genozid in Darfur, dem die Weltgemeinschaft tatenlos zugesehen hat, den Massenexekutionen der Taliban und dem Krieg, den das iranische Regime seit Jahren gegen das eigene Volk mittels Terrorismus auch weltweit führt. Und sie sahen deshalb auch tatenlos zu, als Israel aus dem Irak mit Raketen beschossen wurde, stehen ohnmächtig – oder mit klammheimlicher Freude – den atomaren Drohungen des Iran gegenüber, und warten nur darauf, bis Israel sich genötigt sieht sich zu verteidigen, um in den deutschen Feuilletons und Wochenmagazinen endlich wieder vom rachsüchtigen Juden („Davids Rächer“, Der Spiegel) schwadronieren zu können. 

Sie zeigen sich so nachträglich solidarisch mit denen, die Auschwitz mit möglich gemacht haben, und die schon immer von der Ideologie des Völkerrechts inspiriert gewesen waren: Die Appeasement-Politiker der 30er-Jahre, die mit Hitler zusammengearbeitet oder verhandelt haben, bis es zu spät war, und jene heutigen Politiker, die die Taliban zum gemeinsamen Gebet einladen oder den Iran mittels Verhandlungen von der Atombombe abbringen wollen. Hauptsache „Nie wieder Krieg!“ – auch nach der Atombombe auf Tel Aviv, eine Vernichtung Israels nehmen sie in Kauf.

Vom großen zum kleinen Satan und zurück

Die Konsequenz des deutschen Pazifismus ist seit jeher eine mehr oder weniger diffuse Abneigung gegen den Westen, und damit in letzter Konsequenz das antiamerikanische Ressentiment und der Antisemitismus, „enthalten im Anti-Israelismus oder Anti-Zionismus wie das Gewitter in der Wolke.“⁶ Man will vor allem dem Westen, zu dem sich insbesondere Deutschlands Linke noch immer nicht so recht zählen wollen, das Recht absprechen, sich zur Wehr zu setzen gegen diejenigen, die ihm und im Besonderen der USA und Israel mit dem Untergang drohen. Entweder aus Naivität, in der sie den Appeasern der 1930er Jahre gleichen, jedoch durch die Erfahrung von Auschwitz umso perfider, oder aber gleich in unverhohlener Übereinkunft mit den Zielen der Angreifer.

Es ist so auch nicht weiter erstaunlich, dass die Organisatoren des gescheiterten Antifacamps sich ausgerechnet die Dienste der Rentnerpunkband Slime sicherten, bringen diese doch das antiamerikanische Ressentiment mit dem Song „Yankees raus“ als passendes konsumfertiges Produkt der Kulturindustrie auf die Bühne. Jener Song, den die Band bei den notorischen Globalisierungskritikern von Attac gleich ein zweites Mal eingespielt hat, diesmal mit nochmals verschärften Lyrics ist wohl der bekannteste antiamerikanische Ausfall der Band. Von der Nazi-Parole „Yankees raus!“ und der Sorge um die Nation – „Eure Gegner stellen eine Nation“ – bis zum Vergleich der USA mit dem Nationalsozialismus ist alles drin. Selbst einigen sonst gar nicht so amerikafreundlichen Attac-Mitgliedern waren Textzeilen wie „Weltpolizei SA, SS.“ oder „Ein Albtraum „Made in America“, das 4. Reich ist schon lange da.“ zu viel. Es steht damit exemplarisch für die Zuspitzungen des deutschen Pazifismus und Antimilitarismus zum Antiamerikanismus.

Weniger bekannt sind andere Lieder der Band mit USA-Bezug, etwa der Titel „Großer Bruder“. Hier treibt sie die Sorge um das eigene Volk um, das mit anderen vermeintlich durch die USA unterdrückten Völkern gleichgesetzt wird. Eine hasserfüllte Anklage gegen die Vereinigten Staaten von Amerika: „Sie sind wie Kannibalen. Sie fressen die Völker auf. Politik der Stärke. Der Mörder sitzt im Weißen Haus“. Die USA als Kannibale, der die friedlichen Völker umbringt. Doch nicht etwa nur durch militärische Mittel geschieht dieser Mord an den Völkern, auch kulturell zersetzen die USA im Wahnbild der Band die autochthonen Volkskörper: „Sie brachten uns McDonald’s, Cola und Pershing 2. Und wenn wir uns nicht wehren, bringen sie uns Weltkrieg 3“. Hier kommt der deutsche Pazifismus durch die linke Haus- und Hofband Slime zu sich selbst, er endet da, wo er zwangläufig enden muss, im Antiamerikanismus – wo die Dresdener Flaks scheiterten, wollen Antifakrieger noch nachträglich das Blatt wenden. Das Ressentiment schert sich nicht um die Fakten, zumindest dann nicht, wenn sie nicht in das Ressentiment integriert werden können. Es projiziert alles vermeintlich Böse auf einen geografischen Ort: in der Tradition der europäischen Geschichte immer wieder die USA. So kann man sich die Welt leicht erklären, und nicht nur deshalb ist die Ablehnung der USA bis heute ein Massenphänomen in ganz Europa. Willkommener Nebeneffekt für deutsche Antiamerikaner: Von deutscher Schuld muss in diesem Zusammenhang nicht geredet werden. Wie wunderbar kann man so doch auch die Eigene, je nach politischer Ideologie deutsche (rechts) oder europäische (links) Identität als moralisch besonders wertvoll hervorheben.

Wo der Antiamerikanismus sich breitgemacht hat, ist auch der Antisemitismus meist nicht weit und wie zum Beweis dieser These lassen die Dortmunder Antifaschisten neben Slime die Punkband Yok des Sängers Quetschenpaua auftreten, wenn überhaupt bekannt für ihren Song „Tu was“, das antizionistische Äquivalent zu „Yankees raus“ und „Großer Bruder“. Der Text bietet, die antizionistische Kurzzusammenfassung des sogenannten „Nahost-Konflikts“, nicht zufällig kulminiert in der Sorge um das, diesmal palästinensische, Volk und der Vernichtungsdrohung gegen den Staat der Juden: „Doch Palästina dein Volk wird siegen irgendwann Palästina dein Volk wird siegen irgendwann.“ Selbst wenn sich der Sänger dieser Zeilen inzwischen halbherzig von seinen Ergüssen distanziert: Es ist und bleibt ein Paradebeispiel für linken Antisemitismus nach 1945. Beim Antifacamp schließt sich der Kreis bei der direkten Kooperation mit denjenigen antisemitischen Rackets, die seit Jahren bekannt und berüchtigt sind: den Schlägern der Roten Antifa Duisburg und seine parteipolitischen Bundesgenossen von der Partei der Linken.

Der globale Antisemitismus, der sich nach Auschwitz fast ausschließlich im Ressentiment gegen Israel kanalisiert und mit dem tatsächlichen Verhalten seiner potenziellen Opfer nicht das geringste zu tun hat, speist sich wie der Antiamerikanismus nicht zuletzt aus einer Ablehnung gegen jede Möglichkeit und Hoffnung, einer Herstellung des größtmöglichen individuellen Glücks auf der Welt. Diesem Wahn des Alltags gilt es Einheit zu gebieten, in allen seinen gesellschaftlichen Ausprägungen.

An diesem Wochenende gilt es auszuschlafen. Noch mal umdrehen, den Wecker ausmachen, und die friedensbewegten Kameraden und Genossen miteinander im Regen stehen lassen.

 
(1) So ein Ausspruch eines Überlebenden des Konzentrationslagers Theresienstadt beim
Anblick des brennenden Dresden.
(2) So Walser in seinem offenen Brief an die Bundeskanzlerin:
http://www.zeit.de/2009/29/Walser-Brief
(3) Zitat von der Homepage des Antifacamps. Dieselbe Phrase findet sich wortgleich zudem in
einem Aufruf der Kampagne „Krieg beginnt hier“.
(4) Vgl. Curt Geyer, Walter Loeb u.a. Fight for Freedom, 2009 zur selben Thematik auch den Vortrag „Alle Pazifisten sind Mörder“ der Antifa AG aus
Halle. Schriftlich erschienen in der „bonjour tristesse“.
(5) Eine Ausnahme bildet die „fight for freedom“-Gruppe deutscher Sozialdemokraten und
Kommunisten. Vgl.
(6) Jean Amery „Der ehrbare Antisemitismus“

2 Gedanken zu „Zum Weltfriedenstag in Dortmund: Pacifism never solved anything

  1. Uwe

    Vielen Dank für diesen Artikel. Vor allem der Abschnitt zur Punk-Band Slime war für mich informativ.
    Eine Frage hätte ich noch: Was sind Attack-Mitglieder?

    Antwort
  2. some antifascist

    ich hab noch nie auch nur ansatzweise mitbekommen, dass es autonome antifagruppen geben soll, die probleme mit juden haben. dass es bei gruppen wie der roten antifa duisburg antisemitische tendenzen gibt würde mich nicht überraschen, aber ansonsten hat doch kein antifaschist ein problem mit juden allgemein. kritik am staat israel ist nicht sofort antisemitismus. ich hab nichts gegen die menschen dort oder juden, aber die politik des staates (ganz davon abgesehen, dass jeder staat antiemanzipatorisch ist) kann ich nicht gutheißen. gibt genug juden und israeliten, die auch nicht mit der politik des staates einverstanden sind oder sogar den zionismus kritisieren.

    Antwort

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